Der Wirtschaft und insbesondere der Industrie ging es schon einmal besser. Zuletzt haben die Wirtschaftsforschungsinstitute wegen des Irankriegs ihre Prognosen nach unten korrigiert. Wie bleibt ihr da optimistisch?

Christoph Grasl: Die geopolitische Situation ist für uns alle ohne Frage herausfordernd. Wir atmen extrem viel mit der Industrie und spüren die Auswirkungen am eigenen Körper. Trotzdem sind wir felsenfest davon überzeugt, dass die Zukunft der Schiene gehört. Diesen Optimismus tragen wir in uns. Wir müssen ihn nur wieder mehr ausstrahlen.

Das macht die nächsten Monate aber nicht unbedingt leichter …

Bettina Castillo: Ich habe mein ganzes Leben in der Logistik gearbeitet und ich finde, das Schöne an der Logistik ist, dass man Herausforderungen bekommt, die man lösen kann. Daraus kann man sehr viel Energie schöpfen. Wenn ich auf den europäischen Schienengüterverkehr der nächsten Jahre blicke, sehe ich riesiges Potential. Wir müssen es nur gemeinsam freilegen. 

Wie lautet der Plan, um wieder auf die Überholspur zu kommen? 

Grasl: Es gibt nicht die eine Schraube, an der man dreht und alles ist wieder in Ordnung. Es ist der Weg der vielen Schritte und es sind viele kleine Maßnahmen, die in ein Gesamtbild zusammenlaufen müssen. Unser Wettbewerbsprogramm Phoenix hat im ersten Quartal bereits einige sehr positive Effekte gezeigt. Am Markt sind wir in zahlreichen Industriesegmenten tätig, und viele von ihnen performen trotz des schwierigen Umfelds nach wie vor gut. Wir werden unsere Kunden weiterhin intensiv bei ihren logistischen Herausforderungen unterstützen und die Attraktivität des Schienengüterverkehrs wieder erhöhen, um ein deutlich besseres Ergebnis für 2026 abzuliefern. 

Seit Anfang Mai teilt ihr euch die Vorstandsagenden und überblickt damit auch zusätzliche Themen. Wie eignet ihr euch Neues an? 

Grasl: Ich bin grundsätzlich ein neugieriger Mensch. Wenn es dann neue Herausforderungen oder Themenbereiche gibt, dann finde ich es einfach spannend, da einzutauchen und meinen eigenen Horizont zu erweitern. 

Castillo: Wir haben das Glück, mit vielen Menschen zusammenzuarbeiten, die sehr viel Leidenschaft haben für das, was sie täglich tun. Wenn man diesem Umfeld mit Neugier begegnet und enger mit den Teams zusammenarbeitet, dann kann das sehr viel bewegen. Wir haben jetzt die einmalige Chance, Dinge von Grund auf neu anzugehen. Sei es in der Art, wie wir uns abstimmen, wie wir die Markt- und Produktionssicht näher zusammenbringen oder ganz grundsätzlich, wie wir in die Zukunft gehen. Diese Chance müssen wir nutzen. 

Ganz konkret gefragt: Wie tun wir das am besten?

Castillo: Mein Wunsch wäre, dass jeder jeden Tag in die Arbeit kommt und sich fragt: „Was kann ich heute besser machen als gestern?“ Wenn wir das tun, sind wir auf dem richtigen Weg. 

Dafür braucht es aber auch ein großes Maß an Eigenverantwortung. Was möchtet ihr dem RCG Team mit auf den Weg geben?

Grasl: Wir haben ein sehr engagiertes Führungskräfteteam in der Rail Cargo Group, hinter dem Tausende Mitarbeiter:innen mit enormer Leidenschaft für den Güterverkehr stehen. Ich gebe jeder und jedem Einzelnen einen Vertrauensvorschuss, aber ich fordere auch etwas ein. Denn Vertrauen ist nun mal keine Einbahnstraße, sondern geht immer in beide Richtungen. 

Castillo: Im Grunde sind wir als Vorstand das Gesicht des Unternehmens – aber das Herzstück sind die vielen Menschen, die hier täglich engagiert arbeiten. Wir stehen für einen sehr modernen Führungsstil, den wir im Unternehmen noch tiefer verankern wollen. Das heißt, wir wollen den Leuten Verantwortung geben und alle Voraussetzungen dafür schaffen, und so gemeinsam die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen – auch im Hinblick auf den Generationenwechsel.

Die Rail Cargo Group unterhält zahlreiche erfolgreiche Kundenbeziehungen, die zum Teil Jahrzehnte zurückreichen. Wie haben wir uns das erarbeitet?

Grasl: Wir haben gerade über das Vertrauen in unsere Mitarbeiter:innen und Führungskräfte gesprochen. Bei unseren Kunden ist es nicht anders. Mit einigen Großkunden der österreichischen Industrie haben wir über die Jahre ein sehr hohes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Daraus ist eine Gewissheit entstanden: Wir sind da, wenn sie uns brauchen und sie sind da, wenn wir sie brauchen. Dieses Geben und Nehmen hat zu einem gemeinsamen Wachstum geführt.

Gibt es Situationen, in denen man dieses Vertrauen besonders spürt?

Grasl: Wir sind in den vergangenen Jahren wirklich durch dick und dünn gegangen. Ich denke dabei an das Hochwasser im Herbst 2024, wo wir trotz widrigster Umstände bewiesen haben, dass wir die Versorgungssicherheit der österreichischen Industrie gewährleisten können. Es gibt aktuell große Baustellen in der europäischen Schieneninfrastruktur, wenn wir zum Beispiel nach Deutschland schauen. Auch in Slowenien kommt es aktuell zu massiven Einschränkungen. Der Anschluss an den Hafen Koper – einen der wichtigsten Häfen für die österreichische Industrie – ist gerade extrem schwierig. Wir hatten erst vor kurzem ein Meeting, indem wir gemeinsam mit der slowenischen Bahn komplett neue Produktionskonzepte erstellt haben. Unsere Kunden danken uns das mit einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit. 

Bei vielen unserer Verkehre setzen wir zunehmend auf Eigentraktion. Ist das ein Erfolgsmodell? 

Castillo: Absolut. Wir können mehr und mehr international durchgängige Verkehrsketten anbieten. Das ist für mich ein klarer Wettbewerbsvorteil, auch mit Blick auf die Marktzahlen. Unternehmen, die Schienenverkehrsleistungen anbieten und mit Eigenproduktionen am Markt sind, sind einfach erfolgreicher. Wir bieten unseren Kunden wirkliche End-to-End-Leistungen mit einem internationalen Team aus einer Hand an und darauf sind wir stolz. 

Weil wir damit als alleiniger Ansprechpartner für unsere Kunden auftreten? 

Castillo: Auch, aber nicht nur. Wir sehen bei der Implementierung von internationaler Planung und internationalem Abweichungsmanagement, dass wir den Kunden gegenüber viel bessere und qualitativ hochwertigere Leistungen anbieten können, wenn wir die gesamte Kette überblicken und jederzeit auch beeinflussen können.

Die Rail Cargo Group ist in 18 Ländern tätig, in 14 davon bereits in Eigentraktion. Sind wir auf einem guten Weg? 

Castillo: Die große Vision ist, dass es einmal so einfach sein muss mit einem Zug durch Europa zu fahren, wie mit einem Lkw. Das liegt aber nur zum Teil in unserer Hand, denn das hat auch viel mit politischen Regulierungen zu tun. Was wir hingegen schneller umsetzen können, ist unsere Eigentraktion so zu optimieren, dass alle in der internationalen Planung und Steuerung mit dem gleichen System arbeiten, die gleiche Sprache, also Englisch sprechen und die Informationen über die gesamte Transportkette zur Verfügung haben. Da machen wir große Schritte. 

Inwiefern? 

Castillo: Seit kurzem haben wir den internationalen Orient-Korridor in einer gemeinsamen Transportplanung. Das wollen wir im nächsten Jahr überall umgesetzt haben. Dann werden wir noch erfolgreicher am Markt sein und unseren Wettbewerbern wieder einen Schritt voraus sein. Das internationale Abweichungsmanagement haben wir bereits auf allen Korridoren implementiert. 

Dafür brauchen wir aber auch die besten Mitarbeiter:innen Europas. Was macht die Arbeit bei der Rail Cargo Group so besonders? 

Grasl: Wir arbeiten einfach in einem großartigen Unternehmen und haben den Anspruch, Europa im Güterverkehr nachhaltiger zu machen. Das gibt der eigenen Arbeit einen übergeordneten Sinn und wir kreieren einen gesellschaftlichen Mehrwert. Wir merken speziell bei der jungen Generation, dass es nicht mehr nur darum geht, ob man ein paar hundert Euro mehr oder weniger verdient, sondern darum, etwas Sinnstiftendes zu tun. Das motiviert unser Team ungemein.